Achtung, wirre Gedanken ahead, nicht so ernst nehmen...
In einem Gespräch mit Arzt fiel das Stichwort "Kredit ohne Schufa", was mich automatisch an zwei Dinge denken läßt (freies Assoziieren, ich komme!):
- Peter Zwegat und "Raus aus den Schulden"
- Schwarz-weiße Kleinanzeigen im ADAC-Clubmagazin
Ich lese seit Jahren von diesen "Krediten ohne Schufa", "Krediten bei negativer Schufa", oder auch "Schweizer Krediten" (weil die Zinsen so hoch wie die Alpen sind, vermutlich) und wollte jetzt mal schauen, was da so dahintersteckt.
Grundsätzlich geht es ja bei dieser Art der Kreditvergabe (übrigens auch gerne genommen: "Handy ohne Schufa", "Kreditkarte ohne Schufa", "Auto ohne Schufa", "Weißrussische Ehefrau ohne Schufa", "Selbstmord ohne Schufa" und was weiß ich) darum, daß die Vermittler bzw. die Kreditgeber sich die eigentlich bei jeglicher Art von Waren- und anderen Kreditgeschäften übliche Anfrage bei der Schufa bzgl. etwaiger Negativmerkmale sparen. Das lassen sie sich - so meine zu diesem Zeitpunkt des Blogartikels noch unbestätigte Vermutung - mit deutlich höheren Zinsen vergolden.
Zunächst vielleicht ein paar Worte über die Schufa, wie ich sie verstanden habe: Die Schufa (richtig wäre eigentlich SCHUFAK, denn der Name ist die Abkürzung von "Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung") lebt davon, für Firmen einzuschätzen, wie zuverlässig ein Kunde ist: Anhand eines sog. "Basisscore" wird dem Anfragenden (Bank, Handyprovider, sonstiger Kreditor) die Wahrscheinlichkeit mitgeteilt, daß ein Schuldner einen Kredit bedienen kann. Es gibt bei der Schufa noch weitere Scores, die in der
FAQ beschrieben werden. Aber das nur am Rande.
In einer Schufa-Auskunft stehen alle Vertragsverhältnisse, die der Betroffene mit einem Unternehmen eingeht, das damit ein Kreditrisiko auf sich nimmt. Also
- Von Kreditinstituten gewährte Kredite jeglicher Form (D'oh!)
- Handyverträge im "Postpaid"-System (also Laufzeitverträge und keine Prepaidkarten) und Telefonanschlüsse
- Kreditkartenverträge, die nicht auf Guthabenbasis abgerechnet werden (solche Karten gibt es auch, "Prepaid-Kreditkarten" quasi)
- Je nach Vermieter: Mietverträge - Bei kleinen Vermietern eher selten, bei Genossenschaften vermutlich üblich
- Leasingverträge, Ratenzahlungen
Diese Merkmale stehen da erst einmal wertneutral (und werden, soweit ich weiß, auch nicht an Anfragende übermittelt), sie sind zu unterscheiden von sogenannten "Negativmerkmalen". Diese werden vom Kreditor an die Schufa gemeldet, wenn es mal Probleme gab, also eine Rechnung nicht bedient werden konnte. Nach allem, was ich weiß, ist die Meldung erst dann erlaubt, wenn tatsächlich ein Titel besteht - man sollte sich also keine Sorgen um "seine Schufa" machen, wenn man mal eine Gasrechnung 3 Wochen zu spät bedient.
Solche Meldungen sind ein wichtiger Teil des Geschäftsprinzips der Schufa, das auf einer Art "Give 'n' Take" beruht: Eine Firma wird Mitglied bei der Schufa, wenn sie Konsumenten Geld- oder Warenkredite gibt (also auf offene Rechnung liefert, Postpaid-Verträge mit Laufzeit für Dienstleistungen anbietet etc.). Sie darf dann Informationen über Interessenten einholen (bspw. vor Vertragsabschluß), muß aber auch Informationen an die Schufa melden, etwa über ein abgeschlossenes Vertragsverhältnis, das für die Schufa relevant ist. Beides ist dem Kunden natürlich mitzuteilen wg. Datenschutz. Diese Mitteilung ergeht in der Regel irgendwo in dem Kleingedruckten über der Unterschrift beim Vertrag.
Damit der sowieso schon wacklige Datenschutz nicht vollends übergeht, meldet die Schufa an eine Mitglieds-Firma nicht zurück "Peter Penis hat einen Handyvertrag bei E-Plus", sondern kürzt dem Datenschutz entsprechend. Im vereinfachensten Fall auf den oben genannten Basisscore, der sich aus vielen, streng geheimen Faktoren zusammensetzt. Die Mär von der "bösen Schufa" ist somit zumindest verkürzend - der Datensammelei stehe ich als Privatmensch durchaus kritisch gegenüber, als Geschäftsmann möchte ich aber einfach über "faule Eier" unter meinen Kunden vorab Bescheid wissen.
Zu den verschiedenen Wirtschaftsauskunfteien wie Schufa, Creditreform und diese Arvato-Tochter, die auch so etwas macht, war im Spiegel 19/08 (soweit ich mich erinnere) ein recht gut zusammenfassender Artikel. Daß ein Kredit ohne Bonitätsprüfung, ein Handyvertrag ohne Schufa-Auskunft oder ein Darlehen bei "negativer Schufa" schwierig zu realisieren ist, dürfte unbestritten sein, denn weite Teile der deutschen Wirtschaft verlassen sich bei der Bonitätsprüfung ihrer Kunden oder Interessenten recht kritiklos auf weniger große Auskunfteien. Die leben natürlich sehr gut davon.
Nun gehen wir mal davon aus, daß, wenn man negative Schufa-Einträge gesammelt hat, das in der Regel einen Grund hatte. Natürlich gibt es Tausend Gründe, sich unverschuldet zu verschulden (haha... tolles Wortspiel) und dann auf einen Kredit ohne Bonitätsprüfung zurückzugreifen, dürfte zunächst plausibel erscheinen. Aber als alter Gutmensch glaube ich noch immer daran, daß es eine andere Möglichkeit für Notleidende geben muß - und sei es die Privatinsolvenz. Ewig umzuschulden, bringt doch auch nix, hinterher erschlägt einen das Zinsvolumen schier. Oder andere Unwägbarkeiten und fiese Tricks, auf die ich gleich noch kurz eingehen werde.
Es bleibt die Frage: Wer ist die Zielgruppe für "Kredite ohne Schufa"? Ich sehe im investigativen Privatfernsehen ständig Leute, die trotz hohen fünfstelligen Schulden eine weitere Einbauküche kaufen und schüttele nur den Kopf. Klar, das sind überspitzte, wahrscheinlich gecastete Beispiele, aber auch in der Filoo GmbH haben wir so unsere Probleme mit säumigen Zahlern. Da erfährt man, der man aus Kostengründen (die Implementation ist nach meinen Informationen echt aufwendig inkl. Audit und so) keine automatische Schufaabfrage vor Abschluß eines Vertrags mit Zahlungsrisiko (und das sind ja alle Postpaid-Verträge mit Laufzeit) durchführt, daß ein Kunde, der für hunderte Euro im Monat Dienstleistungen bei uns einkauft, schon vor Jahren einen "Offenbarungseid" geleistet hat.
Ärgerlich.
Oder daß ein Geschäftskunde genau weiß, daß er eigentlich schon seit Vertragsabschluß mit uns insolvent ist - auch ärgerlich. Der Insolvenzverwalter, den man dann routinemäßig kontaktiert, hat meistens eine ellenlange Liste von Gläubigern und für uns bleibt nix übrig. Naja, das ist unternehmerisches Risiko, trotzdem wundert mich die Chuzpe (oder Naivität), mit der manche Leute im Angesicht ihrer bereits recht kritischen Finanzlage noch Dienstleistungsverträge für Dinge abschließen, die sie eigentlich gar nicht brauchen. Und da sind wir zumindest im Hosting- und Gameserverbereich nicht so weit vom Jamba-Sparabo entfernt, denn einen Gameserver braucht nun wirklich keiner zum Überleben.
Wer sind also die Leute, die sich nach Krediten ohne Schufa umsehen? Sind es Verzweifelte, die mit aller Kraft versuchen, die Privatinsolvenz zu vermeiden? Sind es Zocker? Heimlichtuer, die gern vor der Ehefrau eine "stille Reserve" verstecken wollen?
Aus diesem Grundinteresse heraus habe ich mal unser aller Lieblingsorakel mit dem Suchbegriff "Kredit ohne Schufa" gefüttert. Was da rauskam, sieht mir doch nach einem Markt mit hohem Konkurrenzdruck aus: Von "Eil-Kredit ohne Schufa" bis "Günstige Kredite" war alles vertreten. Bezahlte Links (davon nur einer von einer Bank, der Rest wohl von Instituten der Kreditvermittlung) zuhauf, vor (vermutlich schwer SEO-ten) Kreditvermittlern aus der Wirtschaft. Da steckt vermutlich Geld dahinter.
Zwei Dinge stechen auf der ersten Ergebnisseite bei Google ins Auge: Zum einen gibt's im Adwords-Bereich rechts einen Kreditanbieter, der mit einer ".de.vu"-Gratis-URL allen Ernstes Finanzdienstleistungen vermitteln will. Wenn in dem Markt so viel Geld zu machen ist, sich dieser Anbieter aber auf der anderen Seite nicht einmal eine .de-Domain (die ja nun für Kreditbüros nicht teurer ist als die Pfennigbeträge die der Rest der Welt bezahlt) leisten kann oder will, was steckt da dahinter? Eine Frame-Weiterleitung auf keyword-keyword-keyword.eu und diese Seite ist dann ein wildes Sammelsurium von mehreren Kreditvermittlern, teilweise über Webmasterplan, teilweise auch über eigene Partnerprogramme verlinkt. Ein Dutzend bunte Buttons am Seitenende bescheinigen der Site einen Pagerank von 0 bis 0 (Gratulation!). Na ja... Okay. Haken dran.
Das andere Phänomen ist ein Artikel im Focus, der sich äußerst kritisch mit dem Phänomen der Kredite ohne Schufa auseinandersetzt. Gleich der erste Satz faßt meine Meinung ganz gut zusammen:
Eigentlich müsste jedem klar sein: Will einem die Bank kein Geld mehr leihen, dann ist es höchste Zeit, sich von einem Schuldnerberater aus dem Finanzschlamassel helfen zu lassen.
Vermutlich ist es nicht mehr ganz so einfach, wenn man selber mal in der Situation ist, daß die ungeöffneten Rechnungen sich auf dem Schreibtisch stapeln und die Inkassobüros (wenn nicht gar der Gerichtsvollzieher) an die Tür klopfen. Aber setzt der gesunde Menschenverstand derart aus, daß man sich zusätzlich zu den Schulden, die man eh schon hat, noch teurere Schulden aufhalst? Ich ging bis zur Lektüre des Artikels davon aus, daß es sich bei diesen Angeboten à la "Kredit ohne Schufa" tatsächlich um die Vermittlung von Krediten, wenn auch zu eher marktunüblich hohen Konditionen, geht, aber der Focus (mit Rückendeckung einer Studie der FH Koblenz) sieht das anders: Es ginge um Abzocke von Gebühren, Versicherungen und die tatsächlichen Kredite würden gar nicht ausgezahlt.
Die im Artikel angeführten Argumente der Vermittler sind zumindest "interessant":
Häufige Begründung: Ist bereits ein Bausparvertrag unterschrieben, steigen die Chancen, als seriöser Kunde akzeptiert zu werden.
Auf logischer Ebene Unsinn, aber was, wenn man sich als bereits finanziell Ertrinkender an den letzten Strohhalm klammert? Dann ist es wohl sehr einfach, hier einen Bausparvertrag als Voraussetzung für den "Kredit ohne Schufa" zu vermitteln. Auch die als 419-Betrug (mein besonderer Liebling, siehe entspr. Tags in der Wolke) bekannten Vorkasse-Tricks werden hier wohl bisweilen angewandt, um den bereits klammen Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen. À la "Zahl doch bitte die Vermittlungsgebühr im Voraus, dann sage ich dir, an welche Bank Du dich wenden kannst".
Auch andere Ergebnisse auf den ersten Seiten sind aufschlußreich: "Betrug mit Krediten ohne Schufa!" schreit dort ein Herr, der den von ihm selbst verfaßten Report über die betrügerischen Machenschaften mit seiner handschriftlichen Unterschrift sowie zwei Partnerlinks zu dem garantiert seriösen Vermittler garniert, den er als einziges weißes unter lauter tiefschwarzen Schafen identitfiziert hat. Auf dessen Homepage steht besagter "Reporter" dann mit Foto als hellauf begeisterter Affiliate, der von den hohen Konversionsraten und der pünktlichen Bezahlung schwärmt. Ich finde, wenigstens ein Hinweis darauf, daß er mit dieser Empfehlung Geld verdient, wäre legitim - und den erweckten Anschein der Objektivität sollte er eventuell auch nochmal überdenken. Na gut, Affiliate Marketing ist ja auch kein Journalismus.
Insgesamt ist meine Meinung nach 10 Minuten Lektüre zum Thema "Kredit ohne Scufa" nicht unbedingt besser geworden. Aber auf der anderen Seite bin ich auch noch nie in der Lage gewesen, daß der Dispo "dicht" ist und ich auf andere Möglichkeiten angewiesen bin. Daher kann ich das vermutlich nicht nachvollziehen...
UPDATE: Einen ordentlichen Überblick über die Thematik, Möglichkeiten für Betroffene und seriöse Anbieter liefert diese Seite. Allerdings sind dort die "seriösen Anbieter" auch jeweils mit einer ID ihrer Partnerprogramme verlinkt, so daß man annehmen sollte, daß der Betreiber eine Provision bekommt, wenn er Interessenten an diese garantiert seriösen Anbieter von Krediten ohne Schufa weiterverweist. Daher: Vorsicht ist vermutlich auch hier geboten. Die Tips für Leidtragende (z.B.: Statt Handyvertrag Prepaidkarte von einem No-Frills-Anbieter, Kontoeröffnung auf Guthabenbasis etc.) finde ich nach dem groben Überfliegen aber gar nicht doof. Und wenn man mit einer Empfehlung eine Mark machen kann, ist das doch auc kein Problem - man sollte es nur fairerweise dranschreiben.