Der Zirkus ist wieder in der Stadt. Für Hannover gilt das diesen März sogar im doppelten Wortsinne: Während auf dem Schützenplatz ein Zirkus mit allem Drum und Dran gastierte (und, gemessen an den U-Bahn-Passagieren, die an Waterloo zusteigen, recht gut besucht ist), traf sich auch der lustige IT-Zirkus wieder, wenn auch überwiegend in Hallen statt Zelten. Die CeBIT 2007 machte ja schon vorab durchaus medium-positive Schlagzeilen mit Ausstellerschwund, Konzeptchaos und Billigtickets - und sie hat auch Wort gehalten. Nun ist sie vorbei (zumindest für mich) und irgendwie ist außer Spesen mal wieder nix gewesen. Achtung, subjektive Meinung und Ironie inside!
Direkt am Donnerstag ging es mit einem kleinen Rundgang durch die Hallen 2 bis 7 los, und der erste milde Schock wartete schon in Halle 2. Diese - sonst eigentlich so etwas wie der Ku-Damm der CeBIT-Aussteller (teuer, super Lage, große Stände) - hatte nun neben einem Stand der Tourismusinitiative Harz und diverser anderer Fremdenverkehrsorganisationen auch einen Strand und einen Teich mitsamt Strandcafé. Ist ja im Grunde eine niedliche Idee, aber ich kann nicht glauben, daß das von vorneherein Absicht war. In den anderen Hallen war ebenfalls spürbarer Leerstand zu sehen, wenn auch nicht so drastisch wie auf der ehemaligen Sony-Fläche in Halle 2. Ein leerstehender Eckstand hier, ein paar wie zufällig drapierte Sitzbänke auf rotem Messe-AG-Flor dort, ein paar Stellwände als Flächenteiler da drüben - anstatt freie Fläche in Hallenecken oder an Stirnwänden zu konsolidieren, wurde vielfach Raum mitten in der Halle leer gelassen. Das ist wohl in der oft sehr langfristigen Vermietung fester Standflächen begründet. So hat mein Lieblingsverlag Heise seit Jahr’ und Tag den Stand E38 in Halle 5; den Mietvertrag auf 150 Jahre hat der Verlagsleiter wahrscheinlich mit seinem Blut unterschrieben.

Die Hallen 5 (Linuxpark, schön nerdig!), 6 und 7 (Security mit “Livehacking” an jedem zweiten Stand) waren im Grunde wie jedes Jahr üblich, nur geräumiger.
Wie auch in den vergangenen zwei Jahren wurde die “unterirdische” Halle 8, die - und dieses Schicksal teilt sie meines Wissens nur mit Halle 1 - über keinerlei natürliche Lichtquelle verfügt und daher stets etwas beengend wirkt, von allerlei Outsourcingfirmen mit Beschlag belegt, die aus den “üblichen” Ländern, also Osteuropa und Indien, aber auch Tunesien, der Türkei oder anderen Ländern stammten und natürlich alle ganz hervorragende Dienstleistungen zum Bruchteil des Preises eines deutschen Informatikers anbieten können. Naturgemäß ist der Besuch dieser Halle für mich ein wenig zwiespältig, denn obgleich der Kleinunternehmer in mir den Kostendruck sieht, den eine Software-Neuentwicklung “made in Germany” bedeutet, möchte der Freelancer in mir morgens ja auch gerne ein wenig Nutella auf dem Toastbrot haben...
Halle 9 ist - ebenfalls seit der Steinzeit - die Halle für Forschung und Ämter. Durch eine Winkelhalbierende in der Mitte geteilt, vereint sie Wissenschaftler und Beamte unter einem Dach und war der Mittelpunkt meiner schreiberischen Tätigkeit für 2007. Das Fraunhofer-Institut beeindruckte mit einem wie üblich reichhaltig ausgestatteten Stand, hatte aber bei einer Vielzahl der Exponate keine echten Neuheiten, sondern Weiter- und Ausentwicklungen der Vorjahre im Angebot. Natürlich ist es illusorisch, jedes Jahr die Neuerfindung des Rades zu erwarten, aber ich kann schlecht in der iX schreiben, daß ich tolle Weiterentwicklungen gesehen habe... Obwohl: Warum eigentlich nicht - die gesamte Berichterstattung über Windows Vista mutet ja so an.
Im Vergleich zu ‘06 hat auch das BMBF ziemlich zugelegt und wohl auch sehr kurzfristig noch Standfläche zugemietet, die andernfalls leergestanden hätte. An den Stirnwänden waren auch verdächtig großzügige Catering- und Entspannungsflächen auszumachen, hier wurde wohl von Seiten der Messe AG ein wenig der Leerstand kaschiert.
Mein persönliches Low-Light jedoch war der Stand der Gesellschaft für transzendentale Meditation, der passenderweise in der Ecke, die für e-Learning-Initiativen und -Projekte reserviert war, zu finden war. Wie in der Fußgängerzone bearbeitete hier ein amerikanischer Prediger die Massen, während Handlanger von Zuschauer zu Zuschauer schlurften und Flugblätter mit den ach-so-tollen Botschaften dieser Gruppierung verteilten. Ob Sekte oder nicht, sei dahingestellt - ich erwarte in der Forschungshalle einer IT-Fachmesse auch keine Exponate von der evangelischen Bischofskonferenz, denn genau wie die yogischen Flieger haben sie zur aktuellen Forschung nichts beizutragen. Da hätte die Messe AG mal ein wenig aufpassen können.
Andernorts, nämlich in Halle 25, zeigte sich mal wieder, wie unglaublich fadenscheinig die Bemühungen der Messe sind, aus der CeBIT mit aller Gewalt eine Fachbesuchermesse zu zimmern. Mitten in der Halle, wie eine Festung aufgebaut, fand sich der “Planet Reseller”, eine nur für Fach-Fachbesucher (also solche, die hübsche Visitenkarten haben und so tun können, als seien sie Wiederverkäufer) zugängliche Untermesse, in der es dann auch ein bißchen weniger dränglig und hektisch zuging als auf dem Freigelände. Um den Wiederverkäuferplaneten herum fand sich jedoch das lärmige Volk, das eigentlich (zumindest meiner völlig subjektiven Meinung nach) gar nicht auf die CeBIT gehört: Handytaschen, Handyschmuck, Handy-Freisprechkram,
Handykondome. Ja, Kondome. Ein Lichtblick inmitten dieser hippen Kakophonie war jedoch die Firma
UrbanTool, die etwas unglaublich praktisches vertreibt, nämlich Holster für Handy, PDA, iPod und sonstigen Kram. Wie ein Pistolenholster über der Schulter getragen und sehr praktisch gerade unterm Anzug oder der Jacke.
Die Hardware- und Grafikkartenfrickler-Hallen waren wie jedes Jahr: Laut, voll, viele kleine taiwanische Reihenstände mit tendenziell plagiierten Produkten und allerlei Wuchtbrummen von Gehäuselüfter. Ich glaube, der Rekord liegt momentan so etwa bei 35cm im Durchmesser. Außer einem kurzen Rundgang habe ich hier nicht viel Zeit verbracht - ich brauche weder eine neue Grafikkarte noch GEILen Speicher.
Über die “Digital Living” und die Sonstwie World Cyber Champion Games Championships oder wie sie heißen, möchte ich lieber kein Wort verlieren. Nur eines: Selbst 100 PC-Spieler wirken in einer riesigen Messehalle ganz schön verloren. Bitte laßt diesen Tinnef doch sein, liebe Messe AG!
Am Samstag um drei hatte ich dann meinen Vortrag am Heisestand, Thema XSS. Ich hatte mir - zum Entsetzen des Betreuers von der c’t - ausgerechnet die Nachbarstände als (durchaus dankbare) Demonstrationsobjekte ausgesucht und hoffe, der eine oder andere hat etwas gelernt. Vor allem sollte der Vortrag aber mir und den Besuchern Spaß machen, und ich hoffe wirklich, daß das einigermaßen geklappt hat. Alle Demos funktionierten, die etwas erhöhte Latenz auf der Leitung sorgte für dramatische Spannung und es war auch erfreulich voll.
Nach der Messe gabs dann stets ein oder mehrere Bierchen am Tobit-Stand, einen netten Plausch mit der Standwache bei Heise auf dem Rückweg und am Donnerstag Abend die Heise-Party im Varieté GOP an der Oper. Sehr nette Veranstaltung, gefällt mir jedes Jahr wieder sehr gut.
Was gar nicht so toll war - und auch den einen oder anderen Aussteller verärgert haben dürfte - ist die Tatsache, daß die Messe AG
mehrere Zehntausend Karten zum Schleuderpreis von unter € 1 pro Stück an Aussteller verkauft hat, um wohl die Besucherzahlen in letzter Minute noch zu pushen. Fies gegenüber den anderen Ausstellern, die ja schon deutlich früher und zu vergleichsweise extrem schlechten Konditionen ihre Kontingente erworben hatten - und die avisierte Fachbesucherrate von 85% kann man so auch nicht erreichen. Andererseits: Ein Fachbesucher auf einer derart diversifizierten Messe ist ja auch, wer weiß wo das Handykettchen hingehört - daß nicht staatsratsverdächtige 99,7% Fachbesucheranteil erreicht werden, dürfte also nur ein Rundungsfehler sein.
Laut Halbzeitbericht hat die CeBIT etwa stabile Besucherzahlen, aber 15% weniger Ausstellungsfläche - das kann ja nur eines heißen: Mindestens 15% mehr Besucherkontakte für die Aussteller als im letzten Jahr. Toll! Schauen wir mal, was die AG morgen in ihrem Abschlußbericht dazu sagt.
Fazit: An der Messe muß sich etwas ändern. Weniger Hallen, ein bißchen mehr Konzept (oder überhaupt mal ein Konzept...) für die Ausstellerauswahl oder -plazierung und endlich eine Abkehr von dem “wir müssen die Besucherzahlen halten!”-Mantra könnten aus der Massenveranstaltung eine vielleicht nur halb so riesige, aber dafür doppelt so lukrative Messe machen. Nur meine persönliche Meinung...